Hinter der Kamera – Vor der Kamera 

Was passiert, wenn FotografInnen selbst zum Motiv werden? Ein faszinierender Rollentausch zum großen Jubiläum „200 Jahre Fotografie“.

Hinter jedem Bild steht ein Mensch, der eine radikale Entscheidung getroffen hat: den flüchtigen Augenblick in Silber und Licht zu bannen, anstatt ihn im Strom der Zeit verklingen zu lassen. Die Frage, warum Menschen FotografInnen werden, rührt an die tiefsten, stillsten Schichten der menschlichen Psyche. Es ist das ewige Spiel zwischen Distanz und Nähe, zwischen Kontrollverlust und Sehnsucht.

Erika Rabau, Fotografin, vor eine Pressekonferenz während der Berlinale in Berlin am 18.02.1994.
[(c) Jose Giribas,

Wer dabei fast nie auf den Bildern zu sehen ist, sind naturgemäß die FotografInnen selbst. Das Jubiläum „200 Jahre Fotografie“ bietet nun den idealen Anlass, den Blick umzukehren und genau jene ins Licht zu rücken, die sonst im Schatten des Geschehens unsichtbar bleiben.

Das Objektiv als Schutzschild

Für das Auge hinter dem Sucher ist die Kamera oft eine psychologische Rüstung. Sie ist die perfekte Tarnung für Melancholische, Introvertierte und stille BeobachterInnen dieser Welt. Wer die Kamera hält, fängt das ungeschützte Leben ein und bleibt selbst hinter dem Apparat verborgen.

Auf den lauten Bühnen des Alltags schenkt das Objektiv eine paradoxe Freiheit: Man darf ganz da sein, ohne sich selbst ausliefern zu müssen. Die Kamera wird zum sozialen Filter, zum schützenden Puffer. In diesem Moment verlagert sich die Verletzlichkeit: Das Motiv vor der Linse gibt sein Wesen preis, wird betrachtet und bewertet, während die Person hinter der Kamera in der Anonymität des Suchers bleibt. Man schaut der Welt ins Gesicht, doch die Welt kann nicht zurückschauen.

Rollentausch: Wenn FotografInnen zum Motiv werden

Wenn Menschen, die sonst den besonderen Blick für andere haben, plötzlich selbst zum Motiv werden, bricht dieses vertraute Gefüge auf. Im Mittelpunkt stehen die Arbeiten des chilenischen Fotografen José Giribás, der legendäre Kolleginnen und Kollegen wie Gisèle Freund, Arno Fischer, Ellen Auerbach und Mario Testino porträtiert hat.

Ergänzt wird diese visuelle Reflexion durch die Aufnahmen von Joachim Rissmann, der MeisterInnen des Augenblicks wie René Burri, Martin Parr und Alice Springs oft ganz zufällig, aus dem Moment heraus, mit seiner Kamera einfing.

Zwischen Unbehagen und Inszenierung

In diesen Begegnungen offenbart sich die Psychologie des Handwerks. Den Porträtierten sieht man das Ungewohnte der Situation sofort an: Einigen steht ins Gesicht geschrieben, dass sie sich nur bedingt wohlfühlen und sich am liebsten sofort wieder hinter ihrem vertrauten Schutzschild verstecken würden. Andere scheinen das Spiel mit der Optik meisterhaft zu beherrschen, setzen sich gekonnt in Szene und blicken selbstbewusst und herausfordernd direkt ins Objektiv.

Das feine Gespinst zwischen zwei Seelen

Gerade in diesem Wechselspiel liegt der Schlüssel zu einer tieferen Erkenntnis. Ein Porträt entsteht nicht durch Technik allein, sondern im feinen Gespinst zwischen zwei Seelen. Die Kamera verliert hier ihre trennende Wirkung und wird zum Katalysator für echte Nähe.

So leben FotografInnen in einer produktiven Zerrissenheit. Ihre Kamera schützt sie vor der eigenen Verletzlichkeit und zwingt sie im selben Atemzug dazu, das Leben einzufangen. Sie verstecken sich nicht aus Angst. Sie treten nur einen Schritt zurück, um das Licht der anderen umso heller strahlen zu sehen.

Galerie Van Alom, Südwestkorso 65, Berlin-Friedenau
Noch am 18. und 25.11 von 14-19h.