Van Alom Berlin

Hinter der Kamera – Vor der Kamera

Hinter jedem Bild steht ein Mensch, der eine radikale Entscheidung getroffen hat: den flüchtigen Atemzug des Augenblicks in Silber und Licht zu gießen, anstatt ihn einfach im Strom der Zeit verklingen zu lassen. Die Frage, warum Menschen FotografIn werden, rührt an die tiefsten, stillsten Schichten der menschlichen Psyche. Es ist das ewige Spiel zwischen Distanz und Nähe, zwischen Kontrollverlust und Sehnsucht. 

Wer auf Fotografien jedoch fast ausnahmslos selten zu sehen ist, ist den Umständen halber die FotografIn selbst. Das große Jubiläum „200 Jahre Fotografie“ bietet nun den perfekten Anlass, den Blick umzukehren und genau jene ins Licht zu rücken, die sonst im Schatten des Geschehens unsichtbar bleiben. 

Das Objektiv als Schutzschild: Die Kamera als psychologische Rüstung

Für das Auge hinter dem Sucher fungiert die Kamera unbestreitbar oft als psychologische Rüstung. Sie ist die perfekte Tarnung für die Melancholiker, die Introvertierten und die stillen Beobachter dieser Welt. Wer die Kamera hält, konsumiert das ungeschützte Leben und bleibt selbst hinter dem Apparat verborgen. 

Auf den lauten Bühnen des Alltags schenkt das Objektiv eine paradoxe Freiheit: Man darf ganz da sein, ohne sich selbst ausliefern zu müssen. Die Kamera wird zum sozialen Filter, zum schützenden Puffer. In diesem Moment verschiebt sich die Macht der Verletzlichkeit: Das Motiv vor der Linse entblößt sein Wesen, wird berührt und bewertet, während die FotografIn in der Anonymität des Suchers verweilt. Man schaut der Welt ins Gesicht, doch die Welt kann nicht zurückschauen. 

Rollentausch in der Portraitfotografie: Wenn Fotografen zum Motiv werden

Wenn Menschen, die sonst den besonderen Blick für andere haben, plötzlich selbst zum Objekt werden, bricht dieses vertraute Gefüge auf. Im Vordergrund stehen hierbei die faszinierenden Arbeiten des chilenischen Fotografen José Giribás, der legendäre Kolleginnen und Kollegen wie Gisèle Freund, Arno Fischer, Ellen Auerbach und Mario Testino portraitiert hat. 

Ergänzt wird diese visuelle Reflexion durch die Aufnahmen von Joachim Rissmann, der MeisterInnen des Augenblicks wie René Burri, Martin Parr und Alice Springs oft ganz zufällig, rein aus dem flüchtigen Moment heraus, mit seiner Kamera einfing. 

Zwischen Unbehagen und Inszenierung: Die Psychologie des Handwerks

In diesen Begegnungen offenbart sich die Psychologie des Handwerks. Den Portraitierten sieht man die Ungewohntheit der Situation sofort an:  Einigen steht ins Gesicht geschrieben, dass sie sich nur bedingt wohlfühlen und sich am liebsten sofort wieder hinter ihrem eigenen vertrauten Schutzschild verstecken würden. Andere wiederum scheinen das Spiel mit der Optik meisterhaft zu beherrschen, setzen sich gekonnt in Szene und blicken dem Gegenüber selbstbewusst und herausfordernd direkt ins Objektiv. 

Das feine Gespinst zwischen zwei Seelen

Gerade in diesem Wechselspiel liegt die Brücke zur wahrhaftigen Erkenntnis. Ein Portrait entsteht eben nicht durch Technik allein, sondern im feinen Gespinst zwischen zwei Seelen. Die Kamera verlose hier ihre trennende Wirkung und wird zum Katalysator für echte Nähe. 

So leben FotografInnen in einer produktiven Zerrissenheit. Ihre Kamera schützt sie vor der eigenen Vulnerabilität und zwingt sie im selben Atemzug dazu, das Leben einzufangen. Sie verstecken sich nicht aus Angst – sie treten nur einen Schritt zurück, um das Licht der anderen umso heller strahlen zu sehen. 

Termine:
• 09.10., 18h: Vernissage
• 10. & 11.10.: Kultour – Südwestpassagen
• 12.10., 19h: Artists Talk mit J. Giribás & J. Rissmann (Wir bitten um eine kurze Anmeldung, der Platz ist begrenzt)

Van Alom

Südwestkorso 65

12161 Berlin

Geöffnet:

Mittwoch 14-19h

Samstag 12-18h

und nach Vereinbarung

Vergangene Ausstellung: Hotel – Ort der Erinnerung